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Europaweit einmaliges Sägewerk
Nach langem Ringen eröffnet das aufwändig sanierte historische Sägewerk am Gerber-Hans-Haus

Die Außenansicht des Sägewerkes. Über den gedeckten Aufgang kommt der Besuch in die Ausstellung "Neigeschaut auf Neikirng".
Markneukirchen. In Markneukirchen eröffnet am 24. April, 11 Uhr ein europaweit einmaliges Sägewerk. Einmalig, weil es mit einer Strecke von vier Sägen den Weg vom Baumstamm zum einen Millimeter dünnen Furnier für Instrumente zeigt. Das Sägewerk arbeitete von 1884 bis 1991. 770.000 Euro hat die Sanierung gekostet. Über dem Sägewerk öffnet zeitgleich die Schau "Neigschaut auf Neikirng" zur Historie von Markneukirchen.
Christian Kollmus neigt nicht zu Sentimentalität. Und doch hatte er eine Träne im Knopfloch, als er am 16. Dezember 1991 den Schlüssel des Sägewerks am Gerber-Hans-Haus Markneukirchen herumdrehte, abschloss nach 107 Jahren Produktionsgeschichte. Sollte es das gewesen sein? Kollmus, seit 1985 im Sägewerk, davon fünf Jahre als Vorarbeiter, wollte es nicht glauben, machte bei "Tagen des offenen Denkmals" immer wieder auf den Wert der in die Jahre gekommenen Sägestrecke aufmerksam.
Denn so eine Anlage sucht heute in Europa ihresgleichen: Brettsägen gibt's zuhauf, doch vier hintereinanderstehende Sägen, die mächtige Baumstämme zum ein Millimeter dünnen Furnier schneiden - das ist eine Rarität. Das dachte auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, welche 50.000 Euro Zuschuss gab. Insgesamt sind 662.000 Fördermittel in die 770.000 Euro teure Sanierung des Sägewerks geflossen. Die Frage nach den Quellen des Geldes, die beantwortet Bürgermeister Andreas Jacob (CDU) mit einem vielsagenden Lächeln. Nächste Frage?

Christian Kollmus beim Einrichten der Trennsäge. Der 64-Jährige, ehemals Vorarbeiter des Sägewerks, ist mit letzten Arbeiten vor der Eröffnung beschäftigt. Hinter der Barriere im Hintergrund können die Besucher zusehen.
Wichtiger sei ohnehin, dass immer Leute an den Erhalt des Sägewerks glaubten. An erster Stelle der Heimatverein Markneukirchen, der sich seit 1991 unter seinem Gründungsvorsitzenden Gerhard Kraubmann für den Erhalt engagierte. Natürlich Kollmus selbst, der immer wieder kenntnisreich und mit Liebe zum Detail alles erklärte. Seine Mitstreiter, die Adorfer Firma Frank Wolfram und Gerhard Sörgel aus Freiberg, die keine Stunde anschauten, die Sägestrecke wieder herzurichten. Nicht zuletzt die Firmen aus Markneukirchen und der Region, die seit Frühjahr 2009 ein sehr in die Jahre gekommenes Gebäude zum Schmuckstück machten.
Ganz nahe an die Sägen herantreten können die Gäste nicht. Sie schauen von einem 30 Besucher fassenden Raum hinter einer Absperrung zu. Doch das reicht zum Staunen: Beide Hände braucht Kollmus am 2,5 Meter langen Riesenfuchsschwanz, um die erste grobe Sägearbeit zu erledigen. Weiter geht's in die nächste Säge, welche die Stämme erst halbiert und dann viertelt. Die nächste Station ist die Trennsäge, und dann kommt die Feinarbeit: Die Furniersäge schneidet millimeterdünn. "Die Maschine macht Sägespäne, nebenbei fallen Bretter an", meint Kollmus. Was herauskommt, ist dünner als ein Streichholz. Bleibt das Furnier einfach liegen, wellte es sich. Auch stapeln geht nicht: Die Auflageflächen sind das Problem. Lösung: Zum Trocknen wird das Holz an die Decke gehängt.
Das Sägewerk bleibt als Schaustätte Eigentum der Stadt Markneukirchen. Zum Vorführen wird aber kein Holz gekauft, sagt Jacob. Die Stadt bezieht es aus abgemachten schadhaften Bäumen der Region. Dass im Sägewerk neben einheimischen Hölzern auch Exotenholz geschnitten wurde, zeigt eine große Baumscheibe. Sie hängt künftig neben der Scheibe einer 226 Jahren alten Fichte aus Morgenröthe-Rautenkranz und einer Scheibe des ältesten Baums der Region, der Tanne von 1169, deren Balken im Salzbergwerk Erlbach verwendet wurden. Eine weitere Tafel zeigt Arbeitsgeräte wie große und kleine Schrotsägen, Bohrleier oder Profilhobel.
Apropos Hobel: Den gibt's auch in Großausführung. Der vier Meter lange Riesenhobel funktioniert, sein Produkt sind hauchdünne Späne zum Beispiel für die Schalllochringe von Gitarren. Daneben stehen ein Gleich-. ein Drehstrommotor sowie eine Marmorplatte mit Sicherungen - der Sägewerksbesuch soll auch für den Physikunterricht lehrreich sein. Eine Etage über den 100 bis 135 Jahre alten Maschinen gibt's ab 24. April auch was zu sehen: die Stadtgeschichtsschau "Neigschaut auf Neikirng". Aber das ist dann Thema für eine andere Geschichte...

Im Markneukirchener Sägewerk ist die Baumscheibe einer 226 Jahre alten Fichte aus Morgenröthe-Rautenkranz zu sehen.
Chronik
Um 1700: Errichtung des heutigen Gerber-Hans-Hauses mit obervogtländischer Hochlaube, Mansardendach und Fachwerk.
1840: Das Haus übersteht den verheerenden Brand der Stadt.
1859: Kauf des Hauses durch den Rotlohgerbermeister Carl Gottlieb Schuster ("Gerber-Hans").
1870/1880: Ausbau der bisherigen Lohgerberei zum Sägewerk für die prosperierende Musikinstrumentenindustrie.
1884: Beginn der Arbeit des Sägewerkes durch Familie Schuster, außerdem Holzhandlung.
1908: Letzter Umbau Sägewerk.
1962: Die große Dampfmaschine geht außer Betrieb, weil sie wegen fehlender Ersatzteile nicht mehr repariert werden kann.
16. Dezember 1991: Einstellung der Arbeit des Sägewerks, das zuletzt ein Teil der Musima war.
Ab 1993: Der Heimatverein nutzt das Gerber-Hans-Haus.
1994: Die Stadt Markneukirchen kauft das Gerber-Hans-Haus.
2005/06: Rekonstruktion Gerber-Hans-Haus für 358.000 Euro.
September 2008: Geld für Sanierung des Sägewerks ist sicher.
Frühjahr 2009: Die Sanierung des Sägewerks beginnt.
24. April 2010: Das Sägewerk und die Ausstellung "Neigschaut auf Neikirng" eröffnen. (hagr)
Sägesplitter
• Alte Druckplatten erhalten:
Im Foyer des Sägewerks sieht der Besucher steinerne Druckplatten (Negative, deswegen in Spiegelschrift). Sie sind 1993 aus dem Keller der ehemaligen Druckerei Vogel am Roten Markt in Markneukirchen gerettet worden. Sie werden in der Region noch von der Graphikwerkstatt Hieke in Elsterberg genutzt.
• Eine Säge für Chemnitz:
Im alten Postamt von Markneukirchen steht eine noch funktionsfähige Furniersäge, derzeit in Teile zerlegt. Die Stadt Markneukirchen will sie dem Industriemuseum Chemnitz anbieten.
• Zufahrt Sägewerk:
Aus Richtung Adorf den Hinweisen für das Musikinstrumenten-Museum folgen. Das Sägewerk befindet sich gleich um die Ecke des Museums neben dem Gerber-Hans-Haus (Museumskasse) an der Straße Trobitzschen. Parkplätze im Hof des Sägewerks.
• Führung und Kosten:
Das Sägewerk ist nur mit Führung zu besichtigen. Die Führungen sollen täglich 10.30 und 14.15 Uhr stattfinden. Der Eintritt kostet 3 Euro, ermäßigt 2 Euro. Zwei Erwachsene und drei Kinder zahlen 9 Euro für ein Familienticket. Es gibt ermäßigte Kombikarten Sägewerk/Stadtgeschichtsschau. Für Inhaber des Sozialpasses der Stadt ist der Eintritt frei. (hagr)
Von Ronny Hager
Erschienen am 23.04.2010
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