Prall behangene Vogelbeerbäume und golden schimmernde Felder säumen den Weg der 13. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland. Prall behangene Vogelbeerbäume und golden schimmernde Felder säumen den Weg der 13. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland.

Foto: Frank Hommel

13. Etappe: Von Mühlleithen bis Schöneck - Strecke hält Glücksmomente bereit

Nö, abergläubisch bin ich überhaupt nicht. Dass also heute ausgerechnet die 13. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland ansteht, juckt mich Null. Es ist ja auch kein Freitag. Unglück? In Mühlleithen, wo der Frühling oft noch lange Winterschlaf hält, ist heute der Himmel blau.

Winterschlaf - ein Zustand, den das einst legendäre Buschhaus in Mühlleithen längst überwunden hat. Zu DDR-Zeiten logierten Filmstars darin. Das einzige Leben, das sich heute drin regt, sind die Bäumchen, die aus dem Dach wachsen. Die abrissreife Ex-Herberge taugt nun selbst als Kulisse. Für Streifen wie "Vom Winde verweht".

Relativ neu in Mühlleithen ist die Pension Kammloipe. Kathrin Tröschel hat das einstige Forsthaus für einen Neuanfang gekauft und 2008 die Pension eröffnet. Schon länger gibt's das Ferienhotel Mühlleithen. Christine Goldhahn führt es seit zwanzig Jahren. Sie steckt jeden Cent, der übrigbleibt, ins Haus. "Schwummrig" wird ihr, denkt sie an all die Kredite. Goldhahn legt viel Hoffnung in den neuen Weg. "Alle müssen mitziehen. Es gibt hier nichts anderes als die Natur." Den Rennsteig kennt jedes Kind. Warum soll der Kammweg nicht auch die diese Sphären aufschließen?

Wie ein wildes Tier

Bald will sie das Hotel der Tochter überlassen. Die ist ausgebildet, hat studiert und viel von der Welt gesehen. Aber sie hadert mit dem Gedanken, sich mit nur 30 Jahren an das schöne und doch einsame Fleckchen Erde zu binden.

Wer mag den Zwiespalt nicht nachfühlen, wenn der Blick die paar Häuser streift, die sich an den Hang schmiegen? Andererseits: Die Kraft auf ein Ziel richten, konzentriert und geduldig? Hat auch was. Ein Hotel führen ist bestimmt schwerer als 290 Kammwegkilometer laufen.

Bis Schöneck sind es nur 15. Ein paar hab ich hinter mir. Die Winselburg, kaum zu erahnen. Die Große Pinge, ein Bergbaueinbruch, eingezäunt wie ein wildes Tier. Den Schneckenstein, der sich in den Himmel reckt. Auch er eingezäunt. Wer ihn besteigen will, braucht doch Glück: Montags und bei Regen geht das nicht. Was nichts mit Aberglauben zu tun hat, sondern mit den Öffnungszeiten des Mineralienzentrums nebenan. Und mit Sicherheit: Bei Nässe wird der Topasfelsen rutschig. Das bessere Panorama bietet sowieso die nahe Wismut-Halde. Der Blick reicht bis Tschechien. Fern glitzert die Talsperre Muldenberg.

Quellen ohne Trinkwasser

Bis dorthin dauert es noch. Zuvor, wo die Straße von Klingenthal heraufkommt, liegt der Kielfloßgraben. Der Name weist auf Muldenbergs Flöß-Tradition. Auf dem Platz duftet ein Imbiss. "Einbrechen sinnlos", verkündet ein Schild, "es gibt nichts zu holen". Seit neun Jahren ist Andreas Janßen hier draußen. Tag für Tag. "Eine gute Stelle", sagt er. Dank großem Parkplatz. Wanderer machen ihn nicht satt. Das braucht Pendler, Trucker, Tanktouristen.

Nicht nur Menschen laben sich bei Janßen. An die Bäume hat er Vogelhäuschen genagelt, sie mit künstlichen Piepmätzen verziert. Wird es kalt, gesellen sich echte dazu. "Haubenmeisen. Die haben so eine Krone. Die siehst du in der Stadt gar nicht." Zwei Zentner Vogelfutter streute er ihnen den letzten Winter über hin. Manche erkennt er im nächsten Jahr wieder. Jetzt haben sie sich in die Wälder verzogen.

Dann breitet die Talsperre ihre Buchten aus, huldvoll wie ein schwedischer See. Der Weg nutzt die 500 Meter lange Staumauer, dann geht's am Ufer entlang. Später folgt er einer Eisenbahnstrecke. Das zieht sich. Endlich geht es wieder auf verschlungene Pfade. Der Wegweiser schickt mich zur Muldenquelle. Aber alles, was ich finde, ist ein gemauerter Brunnen mit dem Warnschild: "Kein Trinkwasser."

Seltsam. Doch wenigstens betört das Teichgelände daneben mit einer Blütenpracht. Und das Etappenziel, das Ferienhotel Hohe Reuth, mit seiner Aussicht. Wer es noch bis in die Stadt schafft, den Felsen Alter Söll bezwingt und Schönecks zum Greifen nahe Kirche vor der Kulisse des Oberen Vogtlands sieht, merkt spätestens dann, dass auch die 13. Etappe des Kammwegs fast nur Glücksmomente parat hält.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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