Blockflötenmodelle aus der Zwotaer Werkstatt Martin Kehr für Peter Harlan in Markneukirchen. Blockflötenmodelle aus der Zwotaer Werkstatt Martin Kehr für Peter Harlan in Markneukirchen.

Foto: Enrico Weller

Vogtland - Zentrum des Blockflötenbaus

Markneukirchen/Zwota. Alle, die von den Forschungen Peter Thalheimers wussten, haben darauf gewartet - allen anderen, ob nun Flötisten, Instrumentallehrern, Flötensammlern, Instrumentenkundlern, sei es besonders empfohlen:

Sein Buch über Blockflötenbau und Blockflötenspiel in Deutschland in den Jahren 1920 bis 1945. Der Autor ist als Professor für Historische Aufführungspraxis, Blockflöte und Traversflöte an der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg tätig.

Hinweis auf Zwota

In acht systematisch aufeinander bezogenen Kapiteln macht Thalheimer seine Leser mit der Thematik vertraut. Gezeigt werden die Berührungspunkte zu den tradierten Kernspaltflöten des 19. Jahrhunderts, die nach dem "Verschwinden" der Barockblockflöte weiter Verwendung fanden. Sie lassen sich im Sortiment vieler Instrumentenhändler finden und wurden im Vogtland in speziellen Formen gebaut.

Thalheimer nennt den speziellen "vogtländischen Czakan" mit sechslöchrigem Unterstück und verweist auf die mit dem Stempel "Schlosser" versehenen Flötusen. Dieser Blockflötentyp entstand offenbar nach einem Berchtesgadener Vorbild und erfreute sich schon im 19. Jahrhundert in Norwegen Beliebtheit. Zugleich verweist der Familienname Schlosser darauf, dass es in Zwota bereits vor der offiziellen Wiedergeburt eine Traditionslinie des Blockflötenbaus gab.

Wesentliche Impulse für den neueren Blockflötenbau in Deutschland werden beispielsweise anhand der Bogenhausener Künstlerkapelle und der Bestrebungen des Freiberger Musikwissenschaftlers Wilibald Gurlitt verdeutlicht. Das entscheidende Ereignis war letztlich, als Peter Harlan (1898-1966) in Markneukirchen von Kurt Jacob (1896-1973) die ersten Prototypen einer Blockflöte bauen ließ, die dann 1926 in kleinen Serien in der Werkstatt von Martin Kehr (1884-1960) in Zwota produziert wurden.

An der daraufhin einsetzenden Blockflötenkonjunktur waren Dutzende Vertriebsfirmen beteiligt, Thalheimer nennt allein 63 Händler, die bis 1945 nachweislich Blockflöten vertrieben haben. Davon waren 51 im Vogtland ansässig, 36 wiederum in Markneukirchen. Festzustellen ist, dass heute noch bekannte Blockflötenpioniere wie Peter Harlan, Walter Merzdorf, der Bärenreiter-Verlag, Wilhelm Herwig, Hermann Moeck keine Instrumente hergestellt haben. Als Vertriebsunternehmen arbeiteten sie meist in der Art des Verlagswesens, erwarben sich aber um die Weiterentwicklung der "neuen" Blockflöte bleibende Verdienste.

Mit der praktischen Umsetzung ihrer Vorstellungen waren in Thalheimers Untersuchungszeitraum insgesamt 18 Holzblasinstrumentenbauer beschäftigt, in der Regel Familienbetriebe. Genau die Hälfte der Firmen der Berufsgruppe "Blockflötenbau" wirkte in Zwota. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden einige hunderttausend Instrumente gebaut. Allein der Markneukirchner Hersteller und Händler Johannes Adler spricht 1940 von rund 200.000 verkauften Blockflöten.

Viele Kontakte ins Vogtland

Quellenverzeichnis und Anmerkungen des Buches belegen die mehrfachen Aufenthalte Thalheimers im Vogtland, seine Kenntnis der Fachliteratur über den Musikwinkel und die zahlreichen persönlichen Gespräche in Markneukirchen und Zwota. Diese lassen das Bild der Blockflötenbewegung in besonderer Weise authentisch werden, gerade wenn manche Lebenserinnerung die Tendenz zu verklärter Selbstdarstellung aufweist.

Peter Thalheimers Buch ist eine Dokumentation und vergleichende Auswertung der privaten Instrumenten-Sammlung des Autors, die allein 600 Vorkriegsblockflöten enthält. Durch diesen überaus repräsentativen Vergleichsbestand und die damit mögliche Zusammenschau signifikanter Merkmale gelang Thalheimer die Zuordnung der Werkstätten zu den verschiedenen Händlern. Damit konnte den Herstellern ihre von der Nachwelt oft beklagte Anonymität genommen werden, ohne die Verdienste der Blockflötenpioniere zu schmälern, die für den Vertrieb und die Modellentwicklung zuständig waren.

Literaturtipp

Peter Thalheimer: Die Blockflöte in Deutschland 1920-1945. Instrumentenbau und Aspekte zur Spielpraxis, Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft Band 32, Tutzing: Hans Schneider, 2010. ISBN 978-3-86296-002-6; Preis: 90 Euro.

 
erschienen am 13.01.2011 (Von Enrico Weller)
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)
Artikel weiter empfehlen