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Erlebnisraum Amerika
"Alle Toten fliegen hoch" ist ein Romandebüt mit mannhaftem Zugriff aufs Leben und ein mitreißender Erzähltext.
Als Theaterschauspieler hat der 44-jährige Joachim Meyerhoff schon ordentlich Meriten eingefahren. Über seine Rollenverpflichtungen am Wiener Burgtheater hinaus brilliert der Norddeutsche zudem mit der Einpersonen-Serie "Alle Toten fliegen hoch", für die er als Autor und als Darsteller zeichnet und die es bislang auf sechs Folgen gebracht hat. Die Idee Meyerhoffs, sein eigenes, ja noch überschaubares Leben als Entwicklungsabenteuer aufs Theater zu bringen, hat so gezündet, dass nicht nur das Wiener, sondern mittlerweile auch ein Berliner Publikum seinen Darbietungen huldigt. Und nun ist der Schauspieler zum Buchautor geworden; er hat es geschafft, Teile seines Bühnenmaterials in einen mitreißenden Erzähltext zu verwandeln. Auch ohne seine darstellerische Präsenz bringt er es fertig, erwachsene Leser für die Lehr- und Wanderzeit eines Achtzehnjährigen zu begeistern.
Jeder weiß, wie langweilig literarisierte Berichte aus der Jugendzeit anderer sein können, wo man doch selber eine hatte. Aber Joachim Meyerhoff mit seiner urkomischen Damals-in-Amerika-Variante greift direkt aufs Leben zu. Zwar muss er sich auf den ersten Seiten mit Begebenheiten aus der frühkindlichen Anekdotenkiste erst warm schreiben, aber dann nimmt der Text zusehends Fahrt auf.
Folgendes geschieht: Als politisch, religiös und sexuell nahezu unberührter Austauschschüler wird der Sohn eines Klinikpsychiaters bei einer aufrechten Gastfamilie in Laramie/Wyoming untergebracht. Teils erwartet, teils befürchtet, offenbart sich Amerika dem sportiven Kleinstadtfilou als Erlebnisraum mit Geisterbahnqualität.
Allein die Lehrkräfte Kaltenbach und Carter, in der Schule verantwortlich für die Fächer Identitätssuche und Basketball, treiben ihren Schützling an die Grenzen seines Fassungsvermögens. Ausbilder Kaltenbachs Zwillingsbruder etwa, ein Gefängniswärter, verschafft dem "German" eine professionelle Führung durch den Todestrakt im Staatsgefängnis von Wyoming, wo ein vereinsamter Doppelmörder den Jungen inständig um Brieffreundschaft ersucht - und sie später auch bekommt. Aus dem nett gemeinten Vorschlag der Kaltenberg-Brüder, sich am Ende der Sightseeingtour in der sogenannten Death Chamber mal kurz auf die Pritsche schnallen zu lassen, wird dagegen nichts. Der nächste Schrecken wartet in Coach Carters Privathaus im Schweizer Landhausstil. Der Vietnamkrieger und fanatische Großwildjäger präsentiert seinem arglosen Schüler Trophäen vom Keller bis zum Boden, im Gelände eine Galerie von auf Pfähle genagelten Stinktier-Kadavern und als Krönung einen Tipp zur waffenlosen Feindtötung mit nur zwei Fingern.
Der kleine Meyerhoff hält viel aus. Meistens bewegt er sich ja doch unter Gleichaltrigen. Einmal zum Beispiel oben in den eisigen Rocky Mountains auf der einheimischen Whirlpoolparty: dampfende Leiber, Erdbeerschnaps, Sexspiele im Sprudel, heulende Wölfe und Jungs, die sich Brandzeichen auf den nackten Hintern stempeln lassen.
Was auch passiert, der Junge aus gutem deutschen Hause bleibt Humanist - sehr zur Freude seiner strenggläubigen Gasteltern ...
Bleibt zu hoffen, dass der vielbeschäftigte Joachim Meyerhoff die geplante Fortsetzung bald nachreichen kann - dann vielleicht mit einem Cover, das der beherzten Romanautobiografie Rechnung trägt.
Joachim Meyerhoff: "Alle Toten fliegen hoch. Amerika"
Kiepenheuer & Witsch
319 Seiten
18,95 Euro
ISBN 9783462042924