Unzählige Autogramme hat Sigmund Jähn in den vergangenen 30 Jahren gegeben. Das erste gleich nach der Rückkehr aus dem Weltall auf die Landekapsel (Bild, links sein Kommandant Bykowski).Foto: Archiv
Der Gagarin der Deutschen
Vor 30 Jahren flog Sigmund Jähn ins Weltall
30 Jahre ist es her, dass Sigmund Jähn als erster Deutscher ins Weltall geflogen ist. Eberhard Mädler, der seit Jahren freundschaftlich mit Jähn verbunden ist, hat mit ihm gesprochen.
Die deutsche Geschichte hat ihn zu einem Stück der Geschichte Deutschlands werden lassen: Sigmund Jähn, der vor 30 Jahren als 90. Mensch im Weltraum die Erde 129 Mal umrunden durfte. Als "ein Bürger der DDR" flog er mit der Rakete Sojus 31 in nur zehn Minuten in die Umlaufbahn. Doch ein ganzer Tag verging bis zur Kopplung mit Salut 6. Mit dieser sowjetischen Orbitalstation und deren Langzeit-Stammbesatzung Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenko sowie Jähns Kommandanten Waleri Bykowski ging es danach für eine komplette Woche mit 28.000 Stundenkilometern durch's All.
"Ehrlich gesagt, Lust am Fliegen hab' ich wohl beim Einladungsnachmittag der in meiner Kindheit allgegenwärtigen Hitler-Jugend bekommen", erinnert sich der heute 71-Jährige. "Da wurden uns Modellflugzeuge vorgeführt!" Zweitklässler Sigmund durfte damals gar einen Papp-flieger der deutschen "Tante Ju"-Parademarke mit nach Hause nehmen. "Seither war das Fliegen mein großer Traum, der mir aber unrealisierbar erschien."
Verständlich, denn andere Träume hatten im und nach dem Krieg Vorrang. Es herrschte oft Hunger. An Kartoffelschäler-Suppe oder Kaffeesatz-Torte erinnert sich der Vogtländer. Und: "Mit seinen Schwammen, Beeren und Kräutern hat uns der Wald ernährt!" Dort war er oft mit der Mutter unterwegs. Zur Schule ging er gern. Die Neulehrer in Rautenkranz waren selbst jung, wurden zu Freunden. "Die waren ehrlich zu uns, weckten Interesse an der Wissenschaft", beschreibt er, "und die Prügelstrafe war endlich abgeschafft!" Die Konfirmation war 1951. Als Pfiffikus und Arbeiterkind hätte er sogar an die Erweiterte Oberschule (EOS) in Auerbach gehen können. "Aber ich wäre der Einzige aus der Klasse gewesen und war deshalb unsicher. Deswegen sagte mein Vater zum Direktor: Mei Boss (Sohn) kimmt halt net!" So lernte er drei Jahre Buchdrucker in Klingenthal.
Sein Traum vom Fliegen aber blieb. In der FDJ engagiert, meldete Jähn sich zum "Aeroclub" der freiwilligen Kasernierten Volkspolizei (KVP). "Für mich war nur wichtig, dass es dort richtige Flugzeuge gab!" Kaum 18 Jahre alt lernte er zunächst das Segelfliegen, schwebte mit 120 km/h davon. 1956 saß er erstmals am Steuer einer "richtigen Maschine": Das Militärflugzeug JAK 15 brachte es auf 300 "Sachen". Jähn: "Da war ich stolz und dankbar!"
Siegmund Jähn heute, bei der Eröffnung der 11. Raumfahrtfesttage in Morgenröthe-Rautenkranz.Foto: Eberhard Mädler
Sein Traum hatte sich erfüllt, war aber lange nicht zu Ende geträumt. Mit 21 Jahren flog er schon eine 1100 Stundenkilometer schnelle MIG 15. In der mittlerweile (1957) gegründeten Nationalen Volksarmee (NVA) saß er schließlich am Steuer fast aller Ausführungen dieser berühmtesten Kampfflugzeug-Marke: Mit der MIG 21 düste er gar mit Tempo 2000 durch die Luft.
"Ab 1970 munkelte man bei uns an der Internationalen Militärakademie in Moskau über Raumfahrt-Kurse auch für Ausländer!" Konkreter wurde es im Mai 1976: Alle Chefs der nationalen Interkosmos-Komitees erfuhren, dass länderübergreifend Kosmonauten-Kandidaten ausgebildet werden sollen. "Wie zuvor und danach üblich, waren das kerngesunde Jagdflieger der jeweiligen Luftwaffe, die operativ handeln konnten", erläutert Sigmund Jähn. "Bei uns war zudem gutes Russisch gefragt!"
Etwa 500 Militär-Piloten gab es landesweit, 20 von ihnen kamen in die engere Wahl. Und nur ein Oberstleutnant-Quartett wurde für zwei Wochen ins Sternenstädtchen bei Moskau eingeladen: Erster Wunschkandidat der DDR-Partei- und Armeeführung war Rolf Berger aus Leipzig, gefolgt vom Oberlausitzer Eberhard Kolbs, dem Vogtländer Jähn sowie Eberhard Köllner aus Stassfurt. Die Gastgeber benannten letztlich aber Jähn als Favorit und Köllner als Ersatzmann. "Unsere Familien, ich mit Ehefrau Erika und unserer zehnjährigen Tochter Grit, zogen nach Moskau um", erinnert sich Jähn an die aufregende Zeit.
Richtig begriffen, dass er die Erde verlassen wird, habe er es aber erst, als er an jenem Sonnabendnachmittag, am 26. August 1978, auf der Treppe zur Rakete stand. "Mein Puls raste, doch vor Freude. Und ich hatte die kleine Puppe meiner Grit dabei!"
Die Reden vor dem Start und aus dem Weltall waren vorgegeben. "Ich hab‘ sie nicht geändert, weil ich der DDR viel zu verdanken hatte", bekennt Jähn ehrlich. "Die Freude hat uns aber keiner vorschreiben müssen!" Für alle überraschend war, dass der DDR-Bürger auch offiziell als "erster Deutscher im All" bezeichnet wurde, denn der Begriff der "deutschen Nation" war schon 1974 aus der DDR-Verfassung verschwunden.
"Das Bewegendste im All war die Begrüßung durch die Stammbesatzung in der Raumstation. Ich war zudem ihr himmlischer Postbote, hatte Briefe von ihren Lieben im Gepäck. Ebenso faszinierend war es, unsere Erde aus dieser Wahnsinnshöhe zu sehen. Weil wir über der Atmosphäre flogen, war der Himmel immer schwarz. Die riesigen Wasserflächen der Ozeane sehe ich noch vor mir, die Bruchfalten des Himalaja-Gebirges, die fast schnurgeraden Küstenlinien der Iberischen Halbinsel. Am Lichtermeer habe ich sogar Berlin oder Prag erkennen können. Täglich 16 Sonnenaufgänge und Dämmerungen und die farbintensiven Polarlichter - das werde ich auch nie vergessen!" Einzig enttäuschend war für Jähn, "dass wir wieder landen mussten!"
Hauptsächlich wurde an Bord freilich gearbeitet und geforscht. Jähn hatte dafür den mit 82 Millionen Mark teuersten "Fotoapparat" des Landes: die Multispektralkamera MKF 6. Diese "Weltspitzenleistung" aus dem VEB Carl Zeiss Jena war der technische Beitrag der DDR zum Interkosmos-Programm. Insgesamt 13 Nationen brachte die Sowjetunion so bis 1988 in die Erdumlaufbahn.
Woran er sich auf Anhieb noch erinnert? "Dass wir während der Jubel-Tour nach dem 3. September 1978 durch die DDR überall wirklich interessierte Mitmenschen kennengelernt haben. Ob wir in einer LPG zu Gast waren oder bei der Akademie der Künste - es war ein echtes Wir-Gefühl spürbar gewesen." Viele Autogramme musste er geben, das ausgefallenste schrieb er auf den Oberschenkel eines jungen Mädchens.
Den westdeutschen Medien war Jähn's Reise zu den Sternen nur eine Randnotiz wert. Die Papstwahl machte damals die Schlagzeilen. Bis heute wird in einigen Nachschlagewerken sogar der Westdeutsche Ulf Merbold als erster Deutscher im Weltall geführt, obwohl er erst 1983 flog.
"Die DDR ging unter, weil ihr Volk sie satt hatte, der große Bruder Sowjetunion zog sich zurück!", blickt Jähn auf die Wende zurück. "Die Oberen konnten nicht mehr, die Unteren wollten nicht mehr!" Als die Grenze fiel, war er auf dem Flug in die saudi-arabische Hauptstadt Riad, wo die Internationale Vereinigung der Weltraumfahrer (ASE) tagte. West-Kollegen, die später nach Riad anreisten, schilderten, "dass die Berliner auf ihrer Mauer sitzen!" Damit fiel die DDR als geplanter Ausrichter der Weltraumfahrer-Tagung 1990 aus.
Der Raumfahrt ist Jähn treu geblieben. Im russischen Kosmonauten-Ausbildungszentrum war er ab 1990 Verbindungsmann und Berater des Zentrums für Deutsche Luft- und Raumfahrt (DLR), ab
1993 für die Europäische Weltraumagentur (ESA). In seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz unterstützte er seinen Freund und Bürgermeister Konrad Stahl beim Bau und bei der Ausstattung einer großen Raumfahrtausstellung. Zu seinem "silbernen" Weltall-Jubiläum 2003 trafen sich in dem kleinen Ort erstmals alle, die "germanski" Kosmonauten und die "german" Astronauten, und ehrten damit auf ihre Weise den "Gagarin der Deutschen". Selbst Bundespräsident Johannes Rau war dort.
"Deutschland war, ist und bleibt das Land meiner Väter", sagt Sigmund Jähn heute. "Und ich freu‘ mich, nun auch meinen sechs Enkelbuben die schönen Alpen zeigen zu können!" Sigmund Jähn ist ein Stück der Geschichte dieses Landes.
Von Eberhard Mädler