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Leben in Bildern: das Grauen, das Schöne

Maler Manfred Feiler - Busse mit kompletten Kunstvereinen machen Station an der Richard-Hofmann-Straße in Plauen


Manfred Feiler

Zwischen seinen Bildern, das ist Manfred Feilers Lieblingsplatz in der Wohnung an der Richard-Hofmann-Straße in Plauen: "Den ganzen Tag über bin ich da, gehe nur zum Essen und Schlafen weg."

Plauen. Manfred Feilers Besucher sehen Horst Köhler lächeln - noch bevor sie Hut und Mantel aufgehängt haben. Die gerahmte Fotografie hängt versteckt hinter dem Garderobenständer im Flur. Sie zeigt den früheren Bundespräsidenten, der dem Maler mit einem Händedruck für das gerade überreichte Künstlerbuch dankt.

Der Blick des damaligen Staatschefs wirkt verblüffend interessiert. Die Geschichte dazu erzählt Manfred Feiler kurz darauf. Da hat er schon Platz genommen auf dem Sofa, bezogen mit grünem Leder, und die Füße ausgestreckt auf dem Orientteppich: "In vier deutschen Staaten habe ich gelebt. Ich bin ja 1925 in Plauen geboren. Zufrieden war ich mit keinem."

Jüngst habe er sich über die Raffgier der oberen Zehntausend aufgeregt. Eines der Bilder, das auf dem Parkettboden steht und noch nach Ölfarbe duftet, soll ab Montag in der Ausstellung den Titel "Auf dem Rücken des Volkes" tragen. Es zeigt einen Mann auf allen Vieren, ein müdes Arbeitstier. Obendrauf, sich munter zuprostend: ein Paar, er im schwarzen Anzug, sie im royalblauen Abendkleid. Sie heben die Champagnerkelche wie im Triumph.

"Ich war zum Empfang beim Bundespräsidenten eingeladen", holt Feiler aus. Viel übrig hat er für solche Jahrmärkte der Eitelkeiten nicht. Er wollte jedoch zumindest sein Künstlerbuch Köhler als Dank für die Einladung schenken - als Geste von Mensch zu Mensch - und ein paar Worte sagen. "Das geht gar nicht, meinten alle", so der Maler, der mit seinen wunderschönen Landschaftsmotiven als Botschafter des Vogtlandes gilt. Er müsse sich an den Protokollchef wenden.

Kadavergehorsam, Duckmäusertum sind dem Künstler schon lange verhasst: Er werde sich nie wieder manipulieren lassen, schwor er am Ende des Zweiten Weltkrieges. Schwer verwundet war der 19-Jährige dem Grauen der Ostfront um Haaresbreite entkommen: "Sechs Mal lag ich auf dem Operationstisch." Hinterher war er querschnittsgelähmt. Und: "Ein anderer junger Mann im Bett neben mir ist an seinem eigenen Blut erstickt."

Das Grauen sei erst kürzlich durch einen Krankenhausaufenthalt bei ihm erneut hochgekommen: "Ich hatte jetzt schwere Albträume. Meine Frau sagte, ich würde im Schlaf brüllen, wimmern." Dann habe er im Fernsehen einen Bericht über einen in Afghanistan verwundeten deutschen Soldaten gesehen. "Da dachte ich, jetzt kann ich auch Bilder malen über das, was ich erlebt habe." Die neue Bilder, eine Reise ins Herz der Finsternis: menschliche Wracks sind dort zu schwärzlichen, pastosen Farbflecken geronnen. Im Hintergrund schwefelgelb ein Feuersturm.

"Ich habe mein Buch dann doch übergeben und etwas über mich erzählt", so Feiler. Köhler habe wirklich interessiert zugehört. "Ich bin in keiner Partei gewesen und werde nie in einer sein", so Feiler, und: "Ich kann sagen, was ich will." Jede Wahrheit brauche jemanden, der sie ausspricht. Darauf habe Köhler gesagt, das habe ihm imponiert.

Einem anderen Präsidenten, dem ersten und einzigen der DDR, hat Feiler die Wohnung zu verdanken. Sie wirkt licht, am Rande des Stadtzentrums gelegen, heute gutbürgerlich, im besten Sinne komfortabel und bequem eingerichtet. Der Maler hat sein eigenes kleines Reich darin, umgeben von seinen Bildern, Staffeleien und mit Platz für Gäste. "Wilhelm Pieck hatte angewiesen, ich soll eine vernünftige Wohnung bekommen."

Feiler hatte bei einer Kur in den späten 1940er Jahren Kontakt zu Vertrauten Piecks bekommen, die mit schweren Gesundheitsschäden aus den Konzentrationslagern der Nazis gekommen waren. "Da hat mal einer von der Stasi gesagt, ich soll meinen Mund halten." Die anderen seien dem Übereifrigen in den Arm gefallen, haben sich an höchster Stelle für Feiler verwendet: "Das war etwas, als wir, meine Frau, unsere zweijährige Tochter und ich, in die große schöne Wohnung kamen."

Später hat ihm die DDR übel mitgespielt. Er wurde in den 1950er Jahren als pro-westlicher Schmierfink verunglimpft. Mitglieder des DDR-Verbandes der bildenden Künstler schneiden ihn noch heute: "Es gibt viel Neid und Missgunst." Ob er danach noch arbeiten könne, sei er nach dem Lesen des Schmutzes in seiner Stasiakte gefragt worden: "Jetzt erst recht, das habe ich geantwortet", so Feiler. Inzwischen fahren Busladungen mit Kunstvereinen aus ganz Deutschland bei ihm vor. Manche unangemeldet. "Na, das wird mir doch etwas zu viel. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste", sagte er, mit einem Lächeln.

Von Lutz Kirchner


Erschienen am 26.08.2010




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