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Eine Puppenstube am Balkon des Vogtlands

Mr. Phoenix alias Sven Reistel - Der gebürtiger Dessauer ist mit einer gebürtigen Südtirolerin in der Region heimisch geworden


Bewegungskünstler mit Familie

Sven Reistel mit Ehefrau Simone und den gemeinsamen Kindern Tim und Nico. In ihrer Schönecker Wohnung gibt es viele Puppen. In manchen findet der Bewegungskünstler Inspiration für seine Auftritte.

Schöneck. Einmal klingeln an der Eingangstür zur Villa reicht. Ein gepflegter, frisch renovierter Treppenaufgang. Die Wohnungstür steht schon offen und ein Trio wartet. Die strahlenden Gesichter können und wollen es nicht verbergen: Hier wohnt die Freundlichkeit, die Zufriedenheit, die Ausgeglichenheit. Der kleine Tim klebt am Bein seines Vaters Sven Reistel. Die Ähnlichkeit ist verblüffend, da gibt es keine Ausreden: Große leuchtende Augen, kurzgeschorene Haare, fein geschwungene Brauen. Mutter Simone muss nicht neidisch sein: Der anderthalbjährige Sprössling hat ihre Lippen, ihr Lächeln. Vom drei Monate alten Nico lässt sich das noch nicht sagen. Er schläft in seinem Bettchen.

Unter dem Namen Sven Reistel kennen den 42-Jährigen wohl nur wenige: Freunde, das Einwohnermeldeamt, die Postbotin. Aber Mr. Phoenix dürfte vielen in der Region bekannt sein: als jener Mann, der minutenlang wie zur Salzsäure erstarrt stehen kann, der mit geschminktem Gesicht und im Kostüm aussieht wie eine Puppe. Wie eine Marionette, die sich mit kurzem zackigen Hin und Her, Auf und Ab zu bewegen beginnt, den Kopf dreht und die Arme schwenkt, als stünde jemand über ihr und zöge an unsichtbaren Fäden.

Mr. Phoenix und seine Frau Simone, die als Sängerin mit dem Namen Monjia auftritt, leben seit 2002 in Schöneck, dem Balkon des Vogtlandes. Vom Fenster ihrer Wohnung kann der Blick schweifen bis zur Hohen Reuth, die Silhouette der Stadt und die Wälder verschmelzen zu einem idyllischen Panorama. Wenn nicht gerade dichter Schöneck-Nebel alles einhüllt.

Die Wohnung ist nicht klein, immerhin 90 Quadratmeter. Aber man muss schmal sein, um in der guten Stube nicht an die Couchgarnitur, ein Vertiko und Blumentöpfe zu stoßen oder mit einer übergroßen Puppe zu kollidieren. Mr. Phoenix und Monjia wohnen wie in einer Puppenstube. Überall stehen oder hängen kleine Mitbringsel von Reisen und Auftritten. Die Couch mit dem flauschigen Überzug ist wegen ihrer knallorangenen Farbe der Mittelpunkt, der Blickfang. Diesen Ton zu wählen, das verlangt Mut. Das Ehepaar hat ihn. Es ließe sich auf der Couch gemütlich plauschen mit Mr. Phoenix und Monjia, eine ebenso angenehme Alternative ist eine kleine Bar aus Naturholz.

Bei einem Kaffee und zwischen blitzenden Gläsern erzählt Sven Reistel. Dass 2002 nicht nur das Jahr der großen Flut in Sachsen war, sondern für ihn und seine Simone (35) - die dunkelhaarige Frau aus Brixen/Südtirol, von Hause aus Zahntechnikerin - das Jahr der großen Liebe. Dass sie sich bei einem Auftritt kennen lernten und zwei Jahre später heirateten, "Nägel mit Köpfen machten", wie er sagt. Dass sie jetzt zusammen auftreten.

Und er erzählt auch, warum er sich Mr. Phoenix nennt: "Es gab mal in Auerbach einen Modeclub Phoenix, wo ich öfter als Breakdancer zu tun hatte. Und wenn mich jemand woanders gesehen hat, dann hieß es nur: 'Das ist doch der aus dem Phoenix."

Die Mutter von Mr. Phoenix war einst auf der Palucca-Schule. Er selbst besuchte nie einen Tanzkurs, brachte sich Robot-Dance und Pantomime selbst bei. Seine Heimatstadt Dessau verließ er, studierte Recht und arbeitete viele Jahre auch in diesem Beruf. "Nebenbei habe ich mich mit Breakdance beschäftigt, war 1987 sogar DDR-Meister und 1990 Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften", blickt er zurück.

Das Hobby wurde zum Beruf. Durch einen Bekannten verschlug es ihn nach Plauen, dann nach Schöneck. Mr. Phoenix und Monjia erarbeiten musikalische Programme für Erwachsene und Kinder, in denen sie auch oft Puppen verkörpern. Sie tauchen ein in eine andere Welt, regen die Fantasie an, drücken mit Mimik und Gestik aus, was Lieder nicht sagen können.

Von Eckhard Sommer


Erschienen am 05.08.2010




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