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Alles kauft Bananen, ein Paar seine Eheringe

VOGTLÄNDISCHE SUPERLATIVE: 17. November 1989 in Hof: Die Ossis kaufen die Stadt leer, aber zwei Reichenbacher haben nur Augen für sich


Ehepaar Bornstein

Fast 20 Jahre nach dem Kauf der Eheringe in Hof: Silke und Tom Bornstein mit ihren Kindern Tim und Linus, dem Dreikäsehoch. Die Familie lebt in Reichenbach. Tom Bornstein ist Lokführer bei der Vogtlandbahn, Silke Bornstein arbeitet als Physiotherapeutin.

Reichenbach. Sie waren angesichts der Angebotsfülle im McDonalds völlig überfordert und wunderten sich über fein säuberlich gestapelte Kartoffeln in den Auslagen, bis sie mitbekamen, dass es sich um Kiwis handelte: Silke und Tom Bornstein aus Reichenbach können wie alle Ossis unendliche Geschichten über das grenzenlose Staunen von damals erzählen.

Aber garantiert anders als die anderen hat das frischverliebte Paar in den Tagen nach der Maueröffnung sein Begrüßungsgeld von 200 Mark angelegt: Aus der von DDR-Bürgern überlaufenen Glitzer-Welt des 17. November in der Hofer Innenstadt retteten sich Silke und Tom in ein Juweliergeschäft und kauften sich für 120 Mark die Ringe für den Bund fürs Leben. 333er Gold, mit Diamantschliff, der am Ring von Tom Bornstein schon nicht mehr erkennbar ist. Er trägt ihn jeden Tag.

Silke Bornstein erinnert sich: "Ja, die anderen haben das Geld für Unterhaltungs-Elektronik und Bananen ausgegeben. Wir sind auch in den Westen gefahren, um uns unsere Eheringe zu kaufen. Hier gab es ja kaum welche. Da musstest du Altgold mitbringen, wir hatten keins." Und ihr Mann ergänzt: "Wir haben damit bestimmt etwas richtig gemacht, wenn man bedenkt, wie viele Beziehungen seitdem in die Brüche gegangen sind. Auch unter Freunden. Wir haben uns schon gefragt, Mensch, wir sollten auch mal zu einer Eheberatung gehen. Wir sind ja immer noch verheiratet." Und beide lachen um die Wette. Er ist Lokführer, sie arbeitet als Physiotherapeutin.

Eine Liebe, die gute Früchte trägt

Und diese Liebe trägt Früchte - beziehungsweise Früchtchen: Tim, der 15-jähriger Gymnasiast, und Linus, ein aufgewecktes Plappermaul mit einem kernigen Selbstbewusstsein. Feuerwehrmann will er werden. Was sonst. Das steht zwar nicht in dem dicken Wilhelm-Busch-Buch, in dem er beim Besuch der Presseleute blättert, aber ein Vierjähriger gibt halt gerne Antworten, bevor Fragen gestellt werden. Mutti und Vati greifen ein.

Ja, das Busch-Buch. "Das haben wir uns auch vom Begrüßungsgeld gekauft, für zehn Mark. Es gab ja zu DDR-Zeiten eine schöne Ausgabe, aber das hier hat halt bunte Zeichnungen. Dann haben wir uns noch Wiener Würstchen gekauft, für 1,50 Mark das Paar, das Restgeld haben wir wieder mit nach Hause genommen. Als Startkapital für spätere Zeiten", sagt Silke Bornstein und holt ein Fotoalbum heraus. Zwischen Fotos aus der Hofer Innenstadt kleben 18 Pfennige Wechselgeld von diesem 17. November mit dem Kommentar: "Was hier zählt ..."

Die Bornsteins haben sich nicht verzettelt. In der Familie wird über vieles geredet, über Gutes und weniger Gutes, heute und damals. Und dann bringt Tom Bornstein dieses Beispiel, das die Generation von Sohnemann Tim so recht kaum verstehen kann. Der Gymnasiast spitzt die Ohren, als sein Vater aus seiner DDR-Eisenbahnerzeit erzählt: "Da habe ich das erste Mal gestutzt. Nach einer Sonderschicht bekamen wir Bananen. Und da fragte mich ein älterer Kollege, ob er meine bekommen kann. Für eine Mark, für seine Kinder." Das war der Alltag von gestern.

Tim Bornstein, der große Sohn, wächst mit dem Alltag von heute. Und wie. Er und andere Schüler seiner Klasse haben im vergangenen Jahr das Bleiberecht für eine Mitschülerin erkämpft, die mit ihren aus dem Ausland stammenden Eltern abgeschoben werden sollte. Ein mutiger Schritt, so außergewöhnlich und hoffnungsvoll wie der Ringkauf von damals.

Von Gerd Möckel


Erschienen am 22.10.2009




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