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Brauchtum

Webspitze, Plauen (um 1890)


Das auf blauem Papier aufgezogene Spitzenmuster gehört zu einem Konvolut von fast 8000 Proben unterschiedlicher Maschinenspitzentechniken der Plauener Stickerei- und Spitzenindustrie.

Die 24 Zentimeter breite Spitze ist als Bordüre gewebt. Durch den Netzgrund am oberen Rand kann die Spitze in Rüschen oder Falten gelegt werden. Zum unteren Rand hin verdichten sich die Musterformen und bilden einen kontrastreichen gebogten Randabschluss.

Als Motive wurden spiralig gewundene Schnecken und Korallen gewählt. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts spielte bei der Darstellung von Naturformen die aufstrebende Meeresbiologie eine besondere Rolle.

Die Faszination des bis dahin wenig erforschten Meeres wurde in den folgenden Jahren nicht allein durch die Schriften und Zeichnungen Ernst Haeckels in Kunst und Design eingeführt.

Die Herstellung feiner Spitzen auf Webmaschinen wurde erst mit der Einführung der Jacquardtechnik um 1830 möglich. Die Webspitzentechnik war um 1870 so perfektioniert, dass die Maschinenspitzen auf den Weltausstellungen immer aufwändiger präsentiert wurden und die Handspitzen stark zurück drängten. Vorbild für die abgebildete Webspitze war die handgeklöppelte Netzgrundspitze "Valenciennes", die sich ab 1640 in der gleichnamigen Stadt in Flandern entwickelte.

Dieser Spitzentyp zählt zu den feinsten Klöppelspitzen mit durchlaufenden Fadenpaaren mit bis zu 800 Fäden auf 10 Zentimetern. Die fein nuancierten dichten Flächen in Leinenschlag grenzt eine hohlsaumartige Kontur von dem leicht wirkenden Netzgrund ab. Ab 1740 bildete eine viereckige Flechtmasche diesen Netzgrund, der mechanisch sehr gut kopiert werden konnte. In der Chemnitzer Textil- und Kunstgewerbesammlung befinden sich einige Haubenbänder in dieser Technik aus dem 18. Jahrhundert. Diese Barben sind in zwei Teilen geklöppelt und in der Mitte zusammengenäht, um eine größere Breite zu erreichen.

Plauen ist seit 1858 ein Zentrum der gewebten und gestickten Maschinenspitzen. Albert Voigt, der an der Chemnitzer Gewerbeakademie studierte, importierte für das Plauener Handlungshaus Schnorr und Steinhäuser die ersten schweizerischen Stickmaschinen aus St. Gallen. Voigt gründete danach 1860 eine eigene Stickmaschinenfabrik in Kändler und begründete damit die Stickereiindustrie in Sachsen. Die Stickereispitze, vor allem die 1883 erfundene Ätzspitze wird mit dem Namen "Plauener Spitze" verbunden. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris erhielten die Plauener Spitzenfirmen für ihre Gemeinschaftsausstellung den "Grand Prix".

Die "Maschinen-Valenciennes" wurde von 1870 bis 1900 hergestellt. Alles wurde damals mit Spitze verziert, von der Unterwäsche bis zu Gesellschaftskleidern. Abendroben, Capes und Accessoires sowie komplette Spitzenkleider ließ man anfertigen. Der Luxus der Spitzenausstattung wurde selbst für Innendekorationen verwendet.


Erschienen am 07.06.2007




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